15.11.2010

Lose/Lose - Ein Spiel das Dateien löscht

Bevor ich irgendwas anderes über dieses Spiel schreibe, und obwohl ich es selbst nicht bestätigen kann, zuerstmal ein kleines Wort der Warnung: "Lose/Lose" kann zufällig ausgewählte Dateien auf dem eigenen Computer löschen. Laut Angabe im Spiel selbst zumindest, und laut Beschreibung auf der Webseite von der man es herunterladen kann.
Ob es das wirklich tut - keine Ahnung. Allein die Idee dahinter ist wohl Sinn und Zweck der Sache, um den Spieler dazu anzuregen sich ein paar Gedanken zu machen. Ähnlich wie beim "Frosch im Mixer" muss man die Sache dafür nicht wirklich ausprobieren und auf Funktionsfähigkeit testen.
Hier einmal ein Zitat von der spartanischen Webseite auf der man das Spiel runterladen kann:
Although touching aliens will cause the player to lose the game, and killing aliens awards points, the aliens will never actually fire at the player. This calls into question the player's mission, which is never explicitly stated, only hinted at through classic game mechanics. Is the player supposed to be an aggressor? Or merely an observer, traversing through a dangerous land?
Why do we assume that because we are given a weapon an awarded for using it, that doing so is right?
By way of exploring what it means to kill in a video-game, Lose/Lose broaches bigger questions. As technology grows, our understanding of it diminishes, yet, at the same time, it becomes increasingly important in our lives. At what point does our virtual data become as important to us as physical possessions? If we have reached that point already, what real objects do we value less than our data? What implications does trusting something so important to something we understand so poorly have?
Darunter findet sich noch eine Hiscore Liste, dessen höchster Eintrag bei 412 Punkten steht, einer für jede gelöschte Datei. Man wird also von seinem eigenen Dateisystem angegriffen und wenn man aus Notwehr tötet, sind die Folgen eventuell noch schlimmer als sich einfach umbringen zu lassen.
Zwar heißt das Spiel "Lose/Lose", also eine Situation in der man nur verlieren kann, egal was man tut, aber wo der größere Verlust liegt, sollte für jeden klar sein. Verliert man das Spiel, löscht es sich selbst. (Es hindert natürlich nichts daran, es jederzeit wieder neu herunter zu laden.)
Letztendlich, solang der Spieler weiss worauf er sich einlässt, steht also dahinter nur die Frage "Welches Risiko willst du eingehen für die Punktzahl in irgendeinem kleinen Raumschiffspielchen?"
"Why do we assume [...] that doing so is right?" ist meiner Meinung nach ein wenig weit gegriffen.

Der Gedanke der sicherlich jedem der bis hierher gelesen hat schon in den Kopf gekommen ist, lautet wohl: "Was wenn das Spiel eine wichtige Systemdatei löscht, oder etwas privates oder berufliches von dem ich sonst keine Kopie habe?"
Theoretisch sollte es auf einem Computer ja keine redundanten Dateien geben, denn es wäre reine Ressourcenverschwendung. Also müsste jede gelöschte Datei irgendeinen spürbaren Verlust bedeute, oder?
Wie's der Zufall will ist mir gestern der Platz auf der Festplatte knapp geworden, und ich bin einmal auf der Suche nach Dingen die ich runterwerfen kann durch die Verzeichnisse gegangen. Neben den Daten und Programmen die ich wissentlich installiert habe, hat sich da in etwa einem Jahr, seit ich die Festplatte in Betieb genommen habe, so viel Müll angesammelt. Irgendwelche "temp" Verzeichnisse die zum Teil die Gigabytegrenze überschritten haben...
Jedes kleine Programm, jeder Treiber verbraucht heutzutage dutzende von Megabyte, und das alles summiert sich dann schnell auf mehrere Gigabyte an Dateien, von denen man weder so genau weiß wozu sie gut sind, noch ob man sie irgendwie vermissen würde, wären sie plötzlich nicht mehr da.
Wie groß wäre also die Chance, wenn man nun einfach ein paar dieser Dateien löschen würde, dass etwas wirklich wichtiges darunter ist?

Aber nun gut, selbst so schneidend wie nur möglich formuliert, stellt "Wie unverantwortlich verschwenden heutige Programmierer unsere wertvollen Festplattenkapazitäten?" keine besonders tiefgreifende Moralfrage dar.
Das obige Zitat von der Lose/Lose Webseite wirft uns zwar ein paar scheinbar tiefsinnige Fragen vor, aber wirklich eng mit dem Spiel zusammenhängen tun diese meiner Meinung nach nicht, bzw. lassen sich eigentlich ganz leicht beantworten. Natürlich schiessen wir die Aliens "instinktiv" ab, weil es genau das ist was wir in tausenden anderen Spielen schon getan haben und dabei immer genau wussten, dass nichts und niemand wirklich zu schaden kommt.
Mir ist der persönliche Wert meiner Dateien, auch im Vergleich zu "physischen Objekten", und wie wichtig diese mir sind, ebenfalls stets bewusst. Immerhin besteht jederzeit die Gefahr eines Verlustes durch Head-crash oder sonstige Dilemma. Keine Festplatte lebt ewig.
Ich denke auch nicht, dass wir erst in den letzten 10-20 Jahren, in denen digitale Speicher immer verbreiteter geworden sind, plötzlich dieser "Technik die wir doch nicht wirklich verstehen" so viel mehr anvertrauen. Schliesslich verstehen die meisten Leute auch nicht genau, wie ein Auto funktioniert und vertrauen dem Gerät trotzdem das eigene Leben und auch das der Anderen an, wenn sie sich rein setzen und es benutzen. Für vermutlich alle Menschen die heutzutage leben so selbstverständlich, dass man es kaum noch in Frage stellt, trotz tausender Verkehrstoter pro Jahr.

Um Lose/Lose wirklich interessant zu machen, ist es meiner Meinung nach zu unbalanciert. Was kümmert es mich, wenn das Spiel gelöscht wird, im Vergleich zum möglichen Löschen meiner wichtigen Dateien? Würde das Spiel stattdessen eine beliebige andere Datei an das Überleben des Spielers koppeln, wären die Anreize für jeden der so wagemutig ist es zu spielen ungleich höher.
Sagen wir z.B. so: Man eskortiert ein anderes Raumschiff, welches eine zufällig ausgewählte Datei repräsentiert, und deren Namen man einsehen kann, durch's All. Gerät dieses Raumschiff in Gefahr, so muss man sich entscheiden ob man zu dessen Schutz Aliens abschiesst und dabei andere Dateien riskiert, oder ob man das "Leben" der vielen Aliens höher wertet als das Wohl des eigenen Schützlings. Welche Dateien die Aliens repräsentieren kann man natürlich nicht einsehen. Fällt dann die Wahl für die Datei des Schützlings auf etwas vermeintlich unwichtiges in irgendeinem temporären Verzeichnis, dann wird wohl kaum jemand für dessen Überleben Aliens abschiessen. Ist es dagegen z.B. das Savegame irgendeines anderen Spiels, dann killt man dafür eventuell schon mal ein paar andere Dateien.
Nach 30 Sekunden ist das zu beschützende Schiff dann ausser Gefahr, man bekommt einige Punkte gutgeschrieben und das Spiel wählt die nächste Datei aus. Verliert man ein zu beschützendes Schiff, so verliert man nur die damit verbundene Datei, und das Spiel geht weiter. Zuende ist es nur, wenn der Spieler sich selbst entscheidet nicht weiter zu machen.

Ob sich das ganze dann sinnvoll auf's echte Leben oder irgendwelche realen Kriegshandlungen übertragen lässt ist natürlich immernoch fraglich. Um die Moralfrage besser nachzuempfinden, müsste das Spiel wohl stattdessen Dateien von der Festplatte anderer Benutzer im Netzwerk löschen. Denn wenn ein Soldat im echten Leben einen Feind erschießt, ist ihm zwar sicherlich dabei der Verlust den dessen Familie erleidet klar, aber selbst vermissen wird er diesen Menschen wohl eher nicht.

So oder so: Mit dem Spielen von Lose/Lose werd ich noch warten bis ich das nächste mal vorhabe meine Festplatte zu formatieren, und alles bereits irgendwo sicher als Backup verstaut ist.

Kommentare:

  1. Insbesondere hier auf der Arbeit wäre mir das Risiko echt zu groß. Gerade einen Artikel fertig geschrieben und schon ist er wieder weg.

    Und zuhause...hm, wenn ich jetzt 1000 Rechner hätte okay. Interessantes Konzept anyway.

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  2. Ich stimme dem zu. Ein wirklich interessantes Spielekonzept, was noch interessanter wirkt, nachdem ich deinen Artikel mit den Interpretationsansätzen komplett gelesen habe. Ich würde es aber auch nicht spielen, da ich Angst um meine Dateien habe. Aber vielleicht mit einem Gastaccount auf den ich eine Tonne nutzloses Datenmaterial schaffe...? Würde das funktionieren?

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  3. Hm, gute Frage... wenn man als User keinen Zugriff auf bestimmte Dateien hat, sollte es das Spiel ja eigentlich auch nicht haben. Riskieren würde ich es trotzdem nicht. =) Und es würde ja auch keinen Sinn machen, der Witz an der Sache ist es ja, dass auch wichtige Dateien verloren gehn können. Wenn eh nur unwichtiger Kram gelöscht wird, kann man genausogut irgendein x-beliebiges Flashgame spielen. =P

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